Heimatgefühle
Loco Garcia | 26. September 2006Gestern war mal wieder einer dieser Tage. Nicht genug, dass Montag war, nein - es ging mal wieder hoch und runter. Aber beginnen wir von vorne. Eine Kolumne über Heimat, Essen, Glauben und die Deutsche Bahn!
Fiel das morgendliche Aufstehen nach erneut zu wenig Schlaf am Wochenende (und das ohne Feierei, Leuuudeeeeeee) eh schon schwer genug hiess es sich mal wieder gen Bahnhof abzuhetzen, weil ich mal wieder zu lange getrödelt habe (ich schiebs mal nicht auf das Zeug was sich bei mir Haare schimpft).
Also mal wieder frühmorgendlich ohne Musik, denn die Zeit hat man ja nicht übrig wenn man den Zug nicht verpassen will. Den Kindern bei der Schule freundlich zugehupt während man mit 90 durch die 30 Zone fährt und schwupps-di-flipps: geschafft. Pünktlich mit Ankunft des Regionalexpress stand ich auf dem am neben dem Gleis. Ab da nahm der Wahnsinn seinen Lauf.
Der Zug kam, und wir standen…und standen…und standen. Und dann fuhr er rückwärts. Warum? Weiss der Geier. Und wir standen. 4 Minuten. Und nichts passierte. Keine Durchsage. Nada. Und die Tür öffneten sich nicht. Bis dann alles gen Triebwagen rannte, zu einem ekligen Pfeifton. Und alle über den Triebwagen in die Bahn mussten. Die völlig Überforderte und unfreudliche Schaffnerin wusste nicht was los ist, hatte keine Erklärung, findet das der Bahn das scheiss egal sein kann und wenn man mit will doch einsteigen sollte. Gute PR nach aussen hin, dafür zahlt man gerne sein Ticket. Auf die Idee einen Wagon in der Mitte aufzumachen kam sie nicht - naja - hätte sie wohl 100g ihrer geschätzen 180kg verloren.
Sei’s drum - ein wenig Zugfahrt und lustige Ansagen später (”Steigen sie bitte alle am Triebwagen in OHZ aus, da wir nicht wissen ob unsere Türen aufgehen” Anm.: Sie gingen auf und alle standen trotzdem vorne) erreichten wir auch endlich Bremen und es hiess, zack, ab zur Arbeit.
Dort angekommen hiess es gleich ran machen ans Performancetuning, kurzes Meeting mit den Kollegen und dann - ach du Scheisse! Aus einem Manöver sich die Schulter massieren zu wollen kam ich zu der Erkenntnis, das meine geschätze Halskette auf Halb 8 hing. Nun mag dies nicht so schlimm klingen auf dem ersten Blick, dumm nur das sie gerissen war. Nun mag auch das nicht so schlimm klingen, weil, sie hing mir ja noch am Hals…wäre dort nicht ein silbernes Kurzifix mit Jesus dran gewesen.
Nun sagt sich der geneigte Leser, der Loco, der verdient doch eh genug und wie Sau, was schert der sich um sein komische Kruzifix. Nun, er schert sich in sofern darum das ich es als Geschenk von meiner Mutter erhalten habe als ich geschätzte 15 oder 16 war. Und sie eben dieses Kruzifix in ihrer Jugend in Serbien immer um den Hals trug und es somit zwar keinen materiellen, aber persönlichen Wert hatte (und immer nach hat, auch wenns weg ist). In diesem Sinne, eine Runde Mitleid (Danke). Da ich sehr abergläubisch bin war der Rest des Tags unter keinem guten Stern mehr. Dieser Talisman brachte mich durch die Führerscheinprüfung, Abitur und mein Studium - umso schwerer wiegt der Verlust. Vor allem kurz vor Ende der Probezeit.
So plätscherte der Tag vor sich hin, doch noch mit schönen Resultaten (arbeitstechnisch) - aber das konnte wenig Trösten. Nach 9 Stunden dann also zurück zum Bahnhof und, man weiss ja nie, sicherheitshalber jeden Meter genauso abgeschritten wie auf dem Hinweg - eventuell findet sich ja was. Fand sich nix. War klar.
Am Bahnhof angekommen kam mir eine Horde Leute entgegen gerannt, darunter der gute Niko mit dem ich morgens immer den Sitzplatz im Zug teilte - wild angrinsend - mit den Worten: “Brauchst gar nicht zum Gleis, Züge fallen alle aus, fährt gar nix! Wir müssen mit dem Bus fahren!”.
Mittlerweile stieg der Wille in mir jedem der mir entgegen kommt gekonnt eins in die Fresse zu hauen. Der Tag war wirklich nur noch nervig. Also ab nach draussen und der Bus war - natürlich - überfüllt. Wo ist’n zweiter? Selbst Bahnbedienstete waren ratlos - aus einem Reisebus wurden wir wieder vertrieben (der sich später doch als Ersatz für die Bahn rausstellte) und es gab ein wildes hin und her mit teils wüsten Beschimpfungen (nicht von mir).
Etwas gutes hatte es ja denn doch: Es war ein irre gemütlicher Reisebus. Mit Fußstützen. Und mit Klimaanlage. Ich hab mich gut mit dem Gedanken abgefunden, meine Familie informiert und mich weiter damit befasst zu sehen wie ich dann ab Bremen-Burg nach Hause komme. Als der Tag - mal wieder - eine urplötzliche Wendung nahm.
“Also, sie können jetzt mit mir fahren, oder aber auch mitm Zug, die fahren wieder, hat der Mann mit der roten Mütze gesagt!” - “Auch nach Bremerhaven? Fahren sie denn auch nach Bremerhaven?” - “Nä, ich fahr nur bis Burg, fragen sie den Mann mit der roten Mütze. Und mit Alkohol kommen sie hier sowieso nicht mit, also raus!”. Nein…das war kein Gespräch zwischen uns, nur eins was wir belauschen konnten. Also nichts wie raus, ans Gleis und siehe da. Der Regionalexpress stand dort, in all seiner Pracht. Also nix wie rein - grad noch mal so zeitig. Hingesetzt. Scheisse…keine Klimaanlage und die Heizung auf geschätzten 40 Grad. Na Klasse. Aber immerhin war mein Lieblingsschaffner am Start (dazu wann anders mehr).
So schaffte ich es doch noch zeitig nach Hause, wo mich ein serbischer Heimatabend erwartete, der für alles entschädigte.
Meine geschätzten Eltern waren tagsüber nach Hannover zum ZOB gefahren, wo der Reisebus aus Belgrad ca 22h nach Fahrtantritt ankam. In ihm: eine Tasche meiner geliebten Tante aus Zemun. Besser als jeder Wochenmarkt, und wer Handel mal live erleben will empfehle ich in einer Großstadt an den ZOB zu gehen, an dem internationale Busse ankommen. Was dort abgeht ist der Hammer.
Dort wird mit allerhand gehandelt. In unserem Fall somit mit serbischen Spezialitäten. Frische Paprika, Tomaten, Kartoffeln, Zwiebeln und Süßigkeiten. Alles was das Herz begehrt. Sogar Bier. Besser gehts einfach nicht.
Und eben jenes wurde kombiniert. Meine Tante kaufte frische Cevapcici und Pleskavica und hat diese eingefroren - das überlebt in einer spezielle Tüte gefroren locker die Fahrt. Unser befreundeter Taxifahrer in Serbien kaufte einen riesen Sack Paprika. Und meine Mutter vom Busfahrer auch noch mal 20kg Paprika ab (für 20€ - geht doch).
Und so gab es gestern Abend einen wilden, wundervollen serbische Abend. Und sowieso hatte ich den ganzen Tag dieses “heimatliche” Gefühl. Sei es auf der Straße in der Dämmerung und im Zwielicht. Sei es die Luft. Und dann der Geruch zu Hause. Herrlich.
Und nicht zu vergessen der gute, alte, selbstgebrannte Slivovic. Herrlich. Jedem zu empfehlen.
Das war mal ein Haufen private Bloggerei
Als Entschädigung dafür, das hier derzeit nix los ist…









